Borderline Co-Abhängigkeit

Hallo Suzana. Bitte stelle dich unseren Lesern vor.

Suzana Pavic: Ich arbeite als Heilpraktikerin für Psychotherapie und als psychologische Beraterin mit Schwerpunkt Borderline, hier insbesondere auf der Beziehungsdynamik, die dahinter steckt. Ich berate Betroffene und Angehörige, und zwar in ihrer jeweils eigenen und ganz besonderen Lebenssituation. Mit pauschalen Empfehlungen der Art „Nimm die Beine in die Hand und renne!“ ist niemandem geholfen. Ich versuche die ganze Dynamik, in der zwei Personen sich befinden, zu durchleuchten. Damit begleite ich Menschen und unterstütze sie dabei, auf eigene Kompetenzen zuzugreifen und/oder diese durch verschiedene individuell gestaltete Ansätze freizusetzen. Mit diesen Kompetenzen können sie dann eigenständig und eigenverantwortlich Lösungsmöglichkeiten für ihre konkrete Situation finden.

Wie würdest du die Krankheit „Borderline“ in wenigen Sätzen erklären?

Suzana Pavic: Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung. Es handelt sich um eine sehr komplexe emotionale Störung, bei der bestimmte Bereiche der Gefühle beeinträchtigt sind und in Folge dessen auch Bereiche des Denkens und des Handelns. Das äußert sich durch unverständliches und paradoxes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen, sowie in einem ambivalenten Verhältnis zu sich selbst.

Außenstehende sehen zunächst einmal das Verhalten eines Borderliners. Das Verhalten ist aber nur das „Endprodukt“ von vielen intrapsychischen Prozessen. Entscheidungsfindung und Handeln ist immer auch emotional geprägt. Bei Menschen mit Borderline wird beides geprägt von borderline-spezifischen emotionalen Reaktionen, die häufig sehr intensiv sind. Auch kleine Reize führen bereits zu intensiven emotionalen Reaktionen.

Daher fühlen sich Menschen mit einer Borderline Störung oft nicht verstanden. Auf der anderen Seite können sie auch nicht wahrnehmen, wie ihr Verhalten auf andere Menschen wirkt, und daher auch oft die Reaktionen ihres Partners darauf nicht verstehen. Entsprechend nimmt auch ein Partner eines Borderliners das Verhalten als irrational und unverständlich wahr, und fühlt sich überdies oftmals genauso unverstanden.

In dem Gastartikel: "Borderline Beziehung: Spaltung", welchen du vor längerer Zeit für unser Portal geschrieben hast, zeigst du uns ein Beispiel, wie eine Borderline-Beziehung am Anfang ablaufen kann. Wenn man sich eventuell in einer Borderline-Beziehung befindet, was kann man als Partner tun?

Suzana Pavic: (1) Die erste und wichtigste Aufgabe für einen Partner in einer Beziehung mit einem Borderliner ist, dass man in sich selbst erkennt, welche Bedürfnisse man selbst in sich trägt und mit diesen Bedürfnissen dann auf eine verantwortungsvolle und wertschätzende Art und Weise umgeht. Das begegnet in einer Beziehung mit einem Borderliner besonderen Herausforderungen:

Der Anfang einer solchen Beziehung ist meistens sehr intensiv. Ein Borderliner fühlt sehr starke Emotionen und fokussiert diese auf den Partner, indem er den Partner idealisiert. Dieser wiederum fühlt sich in so einer Verbindung anfänglich wie im „siebten Himmel“, weil er – womöglich erstmals in einem Leben – das Gefühl erhält, absolut bedingungslos so angenommen zu werden, wie er wirklich ist. So empfindet er eine Art der perfekten Verbindung, die oftmals durch leidenschaftlichen, intensiven und in seiner Tiefe noch nicht erlebten Sex gefestigt wird. So entsteht eine intensive Bindung auf einer tieferen Ebene.

Angenommenwerden in der Phase, in welcher man gänzlich abhängig ist von den Eltern, etwa als Kind. Im Laufe des Erwachsenwerdens gelingt es den meisten Menschen, Kompetenzen zu entwickeln, dass dieses Bedürfnis nicht mehr diese existentielle Bedeutung hat, sie erlangen einen Grad an emotionaler Autarkie. Das zeigt, dass auch Menschen ohne Borderline Störung, abgespalten von einem Großteil ihrer Gefühle sind und ihr Leben im Wesentlichen aus der Konditionierung heraus leben – wahrlich ohne, sich dessen bewusst zu sein.

Diesen Grad an emotionaler Autarkie erreichen Borderliner allenfalls zeitweise; diese tiefe Sehnsucht ist bei ihnen in ungeminderter Heftigkeit und mit dieser existentiellen Bedeutung vorhanden. Ich würde das als Sehnsucht nach Symbiose bezeichnen. Entsprechend gelingt es ihnen auch, genau diese Sehnsucht in einem Partner zu wecken. Menschen, die selbst Schäden in der sensiblen Bindungsphase der ersten Lebensjahre davongetragen haben, sind hierfür besonders anfällig, auch wenn sie nach außen noch so autark sind, da das Bedürfnis damals nicht gestillt wurde.

Dieses Gefühl der tiefen innigen Verbindung ist keine Liebe. Es ist ein Bedürfnis nach einer Verschmelzung, es geht um Nehmen, nicht um Geben. Entsprechend haben auch Gefühle wie „ohne den Partner kann ich nicht leben“ nichts mit Liebe zu tun. Wenn wir das Gefühl haben, dass uns etwas fehlt und wir glauben, dass wir es nur von einer anderen Person bekommen können, ist es keine Liebe, sondern Bedürftigkeit.

Die Crux an der Beziehung mit dem Borderliner ist, dass eine innige Verbindung in der beschriebenen Art von ihm nicht dauerhaft geleistet werden kann. Hier wird ein Bedürfnis geweckt, was nicht dauerhaft, sondern allenfalls intermittierend erfüllt werden kann. Denn Teil der Grundlage dieser Bindung ist die Idealisierung des Partners. Ohne diese Idealisierung kommt es nicht zu diesem symbiotischen Zustand. Durch die intermittierende Bedürfnisbefriedigung verschärft sich auch das Gefühl von „ohne den Partner kann ich nicht leben“.

Gleichwohl gibt es – aufgrund der sonstigen Persönlichkeitszüge der Menschen, um die es hier geht, durchaus auch Bindungskomponenten, die mit Liebe zu tun haben. Wir sprechen hier nicht nur von einer Persönlichkeitsstörung, sondern wir sprechen von Individuen, die auf verschiedenen Ebenen miteinander interagieren.

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